Karten für lokale Nachrichten

von Hassân Al Mohtasib

Wenn ich in meiner Arbeit für eine Lokal- bzw. Regionalzeitung eine Sache über Kartografie gelernt habe, dann diese: Leser lieben Karten. Damit solltest du nicht sparsam sein. Lokalzeitungen berichten über genau die Geschichten, die in überregionalen Tageszeitungen oder anspruchsvollen Wochenmagazinen oft keinen Platz finden. Es geht um eine Schule, die geschlossen wird, einen neu gebauten Sportverein, eine neue Feuerwache an der Hauptstraße oder einen Unfall auf einer anderen Straße. Sie erzählen von Kindern, die für einen erfolgreich abgeschlossenen Musikkurs geehrt werden, oder von einem Miniprojekt, das Geflüchteten beim Umzug zwischen Städten hilft. In der Sprache der Kartografie ist eine Lokalzeitung eine „Karte in großem Maßstab“ – sie ist ganz nah an den Menschen, ihren Nachrichten und ihrem Leben.  

Genau das macht Karten für Lokalzeitungen wahrscheinlich so unverzichtbar. Sie bilden den Alltag der Leser im wahrsten Sinne des Wortes ab. Sie unterstreichen die Anliegen und Interessen der Menschen, indem sie die Rahmenbedingungen von Konflikten sichtbar machen. Sie zeigen zum Beispiel, ob eine Grundschule wirklich „zu weit weg“ ist oder wie belastend und zeitaufwendig der Bau einer wichtigen Umgehungsstraße tatsächlich war.

Ein weiterer spannender Aspekt beim Erstellen von Karten für Regionalzeitungen ist, dass sie Leser unterschiedlichsten Alters ansprechen. Viele Eltern berichten uns, dass ihre Kinder wegen einer Karte auf einer Seite hängen bleiben. Karten vermitteln Informationen schnell und können Leser und Betrachter visuell lange fesseln. Vielleicht erfüllen sie auch die Sehnsucht nach Reisen und danach, ferne Orte zu entdecken. Karten in unterschiedlichen Größen und mit verschiedenen Funktionen bereichern die visuelle Sprache einer Publikation. Lokalzeitungen haben für Illustrationen oder hochwertige Fotografie oft kleinere Budgets als überregionale Medien. Gut gestaltete Karten erweitern das visuelle Repertoire einer Publikation und ziehen Leser tiefer in die Geschichten hinein.

„Karten vermitteln Informationen schnell und können Leser und Betrachter visuell lange fesseln.“

Beispiel A (Bundesstraße B30)

Das folgende Beispiel zeigt, wie Kartografie eingesetzt wurde, um den aktuellen Stand der sogenannten Bundesstraße B30 und die Bauprojekte der kommenden Jahre zusammenzufassen. Diese Straße ist von zentraler Bedeutung für die Region zwischen Ulm und Friedrichshafen im Südosten Deutschlands. Rund eine Million Menschen leben in dem Gebiet, das durch diese Bundesstraße verbunden ist. Wir haben eine ganze Serie dazu gemacht, über Pendler auf dieser Strecke berichtet, das Essen an ihren Raststätten getestet und über Feuerwehrleute geschrieben, die dort Leben retten – auf dieser Bundesstraße passieren 65 % mehr Unfälle als auf jeder anderen Bundesstraße in ganz Deutschland. 

Wir entschieden uns bewusst dagegen, diese letzte Folge der Serie mit Fotografie zu illustrieren. Bilder einzelner Baustellen hätten das Gesamtprojekt und die noch geplanten Bauabschnitte nicht sinnvoll vermitteln können. Deshalb beschlossen wir, auf Karten die konkreten Projekte entlang der Straße zu zeigen: wo neue Ausfahrten oder Umleitungen geplant sind und wie sich das auf die Stadtplanung in dieser Region auswirken würde.

Die technische Herausforderung bestand aus drei Aspekten: 

  1. Einerseits wollten wir zeigen, dass die gesamte Region durch die Straße verbunden ist. Andererseits wollten wir die verschiedenen Projekte entlang des gesamten Straßenverlaufs genauer betrachten. Deshalb entschieden wir uns für eine allgemeine Karte mittleren Maßstabs als verbindenden Rahmen und mehrere „kartografische Lupen“, die Ausschnitte in größerem Maßstab und damit einen genaueren Blick auf die Orte zeigen. Diese „Lupen“ hatten je nach Situation unterschiedliche Maßstäbe.
  2. Die „Lupen“ zeigen nicht nur bereits fest geplante Projekte, sondern auch Alternativen, da die Diskussionen auf kommunaler Ebene noch nicht abgeschlossen sind. 
  3. Die daraus entstandene Karte ist sehr komplex. Deshalb musste sie visuell gut organisiert und schrittweise erzählt werden. Darum haben wir uns entschieden, die Karte ins Zentrum der Geschichte zu stellen, ihr genügend Raum zu geben und sie vertikal schmal zu gestalten, damit die visuelle Führung klar bleibt. Die Karte sollte selbst zur Geschichte werden. 

Der Arbeitsprozess war anspruchsvoll, weil wir auf einen sehr hohen Detailgrad achten mussten. Die geplanten Strecken sind politisch sehr sensibel, und Karten für lokale Nachrichten zu erstellen bedeutet, für Leser zu arbeiten, die ihre eigene Geografie sehr gut kennen. Ein paar Fehler auf einer Karte der Innenstadt von Kairo wären für Leser in Süddeutschland kaum kritisch, aber falsch geschriebene Ortsnamen auf einer lokalen Karte in so einer Publikation führen schnell zu verärgerten Anrufen im Büro des Chefredakteurs oder ein paar Tage später zu sehr emotionalen handgeschriebenen oder wunderbar altmodisch getippten Beschwerdebriefen. Meist hört man eher negatives Feedback, wenn etwas schiefläuft, aber in meiner früheren Arbeit für überregionale Magazine oder Zeitungen habe ich nie so viel positives Feedback bekommen wie bei dieser Regionalzeitung, Schwäbische ZeitungDen Tag mit einer weitergeleiteten E-Mail eines zufriedenen Lesers zu beginnen, ist sehr erfüllend und bestärkend – weil du siehst, dass sorgfältig gestaltete und detailreiche Arbeit wahrgenommen und geschätzt wird.

Oben zu sehen:
Die veröffentlichte Geschichte mit der Karte.

Oben zu sehen:
Wir mussten die Karte für unterschiedliche Bereiche produzieren, daher musste sie für verschiedene Überschriften flexibel bleiben.

„Karten für lokale Nachrichten zu erstellen bedeutet, für Leser zu arbeiten, die ihre eigene Geografie sehr gut kennen.“

Beispiel B (150. Jahrestag des Suezkanals)

Da wir als Lokalzeitung nur begrenzte Ressourcen für eigene Reporter weltweit hatten, kauften wir eine Geschichte von einer Nachrichtenagentur. Wir überlegten zunächst, den Text mit Fotografie zu ergänzen. Doch die historische Bedeutung des Suezkanals und der Bedarf an visuellen Informationen zu wirtschaftlichen Aspekten – da die Geschichte im Wirtschaftsteil erschien – brachten uns auf die Idee, mit Infografiken und Kartografie mehr Tiefe in die Geschichte zu bringen. So entwickelten wir einen Plan, den geografischen Aspekt des Kanals als tatsächliche Grenze zwischen Afrika und Asien zu zeigen und die Karte als Rahmen für die visuellen Inhalte zu nutzen, die wir vorbereitet hatten. 

Das Ergebnis war ein „Charticle“ mit historischen, wirtschaftlichen und geografischen Aspekten. Besonders schön war es zu hören, dass ein Lehrer die Karte ausgeschnitten hat, um sie in seinem Klassenzimmer aufzuhängen. 

Oben zu sehen:
Die veröffentlichte Geschichte mit der Karte.

Kartentipps:

  1. Der Teufel steckt im Detail – und damit auch im Feedback zu deinen Karten. Achte besonders auf Ortsnamen. Manchmal werden Orte regional anders benannt, als es auf allgemeinen Karten üblich ist. Zum Beispiel heißt Leutkirch im Allgäu in unserer Publikation einfach Leutkirch. Dasselbe gilt für Freiburg im Breisgau.
  2. Bei größeren Karten solltest du quadratische Formate möglichst vermeiden. Schmale vertikale oder horizontale Formate verbessern die visuelle Führung innerhalb der Karte.
  3. Kleine Karten zu überladen ist verlockend. Überlege gut, ob du wirklich alle Autobahnen, Straßen, Bahnlinien und Siedlungsflächen zeigen musst. Wenn du zum Beispiel Karten für eine einfache Wanderung erstellst, können sie als gute Orientierung für die Route dienen. Wenn nicht, lass sie weg oder stufe sie visuell zurück, etwa über Farbe oder Linienstärke.
  4. Nutze Beschriftungen und Info-Boxen, um eine „obere Ebene“ der Information über der eigentlichen Karte zu schaffen. Verwende unterschiedliche Schriftarten, um geografische Informationen von anderen Inhalten abzuheben.
  5. Denk genau über den Maßstab deiner Karten nach. Sehr detaillierte geografische Informationen erfordern manchmal kleine zusätzliche Übersichtskarten, die einen kleineren Maßstab zeigen und die Orientierung verbessern. Verringere nicht einfach den Maßstab der Karte, nur um Referenzstädte im Ausschnitt unterzubringen, wenn sie weit entfernt liegen.

 „Schmale vertikale oder horizontale Formate verbessern die visuelle Führung innerhalb der Karte.“

Gefällt dir, was du siehst? Dann schreib uns einfach eine E-Mail oder melde dich über Twitter.

This content is available in English

Would you like to switch?

Diese Inhalte gibt's auch auf Deutsch

Möchtest du wechseln?

Contenu disponible en français

Changer de langue ?

Esta página está disponible en español

¿Te gustaría cambiar?

Deze pagina is ook beschikbaar in het Nederlands

Zullen we je doorverwijzen?